19. November 2008  

Ganztagsschulen Ja - aber so nicht

Eine von zahlreichen Zuschriften nach der letzten ordentlichen Schulausschusssitzung. Diese Zuschrift zeigt aus unserer Sicht die Problemlage prägnant. Mit Dank für die freundliche Zustimmung zur Veröffentlichung.

Sehr geehrte Frau Ohnesorge,

Ich freue mich über die Schlagzeile: „Fünf neue Ganztagsschulen für die Stadt“ in der Braunschweiger Zeitung vom 12. November 2008. Endlich dürfen noch mehr Kinder der Stadt Braunschweig von einem Schulsystem profitieren, welches auch über die Mittagspause hinaus, sich dem Bildungsauftrag stellt. Der Rest des Artikels von Jörg Fiene lässt mir jedoch einen eiskalten Schauer über den Rücken laufen. Es wird „Ja“ zu fünf neuen Ganztagsschulen gesagt, aber sie dürfen die Haushaltskassen der Stadt nicht belasten.

Eine Ganztagsschule bedeutet, dass eine Betreuung und Schulbildung für die meisten Kinder bis 15 Uhr gewährleistet ist. Für die neuen Ganztagsschulen sollen jedoch Hortgruppen geopfert werden, die die Betreuung der Kinder über 15 Uhr hinaus und in den Ferien gewährleisten. Was bedeutet eigentlich die Auflösung von Hortgruppen? Als allein erziehende Mutter bedeutet dies, meinen Job aufgeben zu müssen, um für mein Kind sorgen zu können. Das bedeutet für den Steuerzahler, für mich und meinen Lebensunterhalt aufkommen zu müssen. Das bedeutet für mich und meine Tochter zu den Armen in Deutschland zu gehören. Ich habe keine bezahlbare Alternative für eine Kinderbetreuung. Meine Eltern wohnen in einem anderen Bundesland, mein Freundeskreis gehört selbst zu der voll berufstätigen und zum größten Teil auch allein erziehenden Bevölkerung. Ich bin dabei kein Einzelfall. Der steigende Bedarf an Hortplätzen zeigt, wie zwingend notwendig die Erhaltung und Aufstockung derer ist.


Was bedeutet der Verzicht auf eine Mensa in der Schule? Das Essen wird vorgekocht und aufgewärmt in die Schule geliefert. Die Kinder müssen aus Kunststoff- oder Aluminium-Portionstellern an ihren Schulbänken essen. Mal abgesehen von den Müllbergen, die hierbei erzeugt werden, haben die Kinder nicht mehr die Wahl, einen unbeliebten Teil der Mahlzeit sich nicht auf den Teller legen zu lassen, der dann ebenso im Müll landet. Von dem Pädagogischen Mittagstisch, nur einer von drei Schwerpunkten der Ganztagsschule im Nachmittagsbereich ist, kann hierbei nicht mehr die Rede sein.


Was bedeutet eine provisorische Zwischenlösung für die Kinder? Ohne umfangreiche finanzielle Zuschüsse der Stadt kann es nur ein unzureichendes Bildungsangebot nach 13 Uhr geben. Somit wird ein weiterer Schwerpunkt der Ganztagsschule, am Nachmittag vielseitige freizeitpädagogische Angebote bereit zu halten, missachtet. Kosteneinsparungen können auch nur mit einem inakzeptablen Betreuungsschlüssel erreicht werden, der wiederum den dritten Schwerpunkt der Ganztagsschule, eine qualifizierte Schularbeitenhilfe zu gewährleisten, zu einer Farce erklärt.

Am vergangenen Mittwoch sind in Braunschweig und ganz Deutschland Tausende Schüler auf die Straße gegangen, um für ein besseres Bildungsangebot zu kämpfen. Grade das Anliegen dieser Kinder und Jugendlichen wird mit einer solchen Entscheidung verhöhnt, weil bereits in der Grundschule die Misere unseres gesamten Bildungssystems beginnt.

Ich habe diese Zeilen am Mittwoch Abend zur Redaktion der Braunschweiger Zeitung gesendet, welche in Auszügen auch abgedruckt wurden. Damit bin ich auf einige offene Ohren gestoßen und hoffe sehr, dass sie auch bei Ihnen eine Reaktion auslösen.

Ich werde diesen Brief an weitere Mitglieder des Schulauschusses senden.

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